06.10.2010, 14:41 Uhr | FTD, Johanna Ritter
Deutsche Unternehmer zweifeln an Selbstständigkeit. (Foto: Imago)
Die Krise hat in vielen Mittelständlern Zweifel geweckt. Harte Märkte, eine Politik zugunsten großer Konzerne und schwierige Kapitalbeschaffung fordern enormes Stehvermögen. Warum viele am Liebsten aufgeben würden - und andere gar nicht erst anfangen.
Norbert Dietz hat vor Kurzem getan, wovon viele Unternehmer träumen: Er verkaufte seine Firma. 1990 hatte er ein privates Seniorenheim übernommen. 17 Jahre später waren daraus 25 Heime geworden. 80 Millionen Euro setzte Dietz im Jahr um. "Wegen des starken Wachstums mussten wir ständig über neue Finanzierungsmodelle nachdenken", sagt Dietz. "Das hat Druck gemacht." Als ihm eine französische Pflegeheimkette ein attraktives Übernahmeangebot machte, sagte er fast erleichtert zu. Endlich war er den ewigen Druck los.
Ein Großteil der mittelständischen Unternehmer würde in einer solchen Situation ähnlich entscheiden wie Dietz. Das ergab eine Studie, die die Universität Marburg für den Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) erstellt hat. Demnach gaben 58 Prozent der 2300 befragten Unternehmer an, dass sie ihre Firma für einen angemessenen Preis aufgeben würden. 83 Prozent sagten sogar, sie würden nicht wieder Unternehmer werden.2007 stellte sich die Lage noch ganz anders dar. Damals hätte nur ein Drittel der Befragten die Entscheidung für die Selbstständigkeit gern rückgängig gemacht. Lediglich 44 Prozent hätten damals verkauft.
Offenbar haben viele Mittelständler in den letzten zwei Krisenjahren den Spaß am Unternehmertum verloren. Bürokratie, hohe Steuern und strenge Auflagen im Arbeitsrecht - darüber klagen die kleinen und mittleren Unternehmer seit Jahren. Seit einiger Zeit gibt es zudem Probleme bei der Kapitalbeschaffung. Die rigiden Banken machen laut der BVMW-Studie den Unternehmern am meisten zu schaffen. Die ewigen Geldsorgen verleiden ihnen derzeit das Unternehmerdasein.
Kein Wunder, dass viele Mittelständler die milliardenschweren Kapitalspritzen des Bundes für notleidende Großunternehmen als ungerecht und Wettbewerb verzerrend empfinden. Unternehmer Helmut Peterseim beispielsweise macht das richtig sauer. "Wenn ein kleines Unternehmen vor der Pleite steht, kommt auch nicht die Bundeskanzlerin", wettert der Inhaber von Helmut Peterseim Strickwaren in Thüringen und setzt nach: "In den großen Firmen übernimmt niemand mehr persönliche Verantwortung."
Die Ursache dafür ist für ihn eindeutig: "Es haftet ja niemand mehr mit seinem Besitz." Was Peterseim daran besonders ärgert, ist die verzerrte öffentliche Wahrnehmung. Unternehmer und Manager würden einfach in einen Topf geworfen. "Dass viele aber mit ihrer wirtschaftlichen Existenz, ihrem Privatvermögen voll einstehen, das sieht niemand." Auch die Studie des BVMW bestätigt, dass der Mittelstand unter dem so genannten Manager-Bashing leidet. Demnach ist das Image von Unternehmern genauso schlecht wie von Managern.
Jugendliche wiederum können gar nichts mit mittelständischem Unternehmertum anfangen. Das ergab eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, die sich die Schulbücher in Nordrhein-Westfalen einmal genauer angeschaut hat. "Die meisten Publikationen setzen Unternehmen pauschal mit Großkonzernen gleich - der unternehmerische Mittelstand existiert schlicht nicht", heißt es in der Studie. Damit wird den Jugendlichen der Blick dafür verstellt, dass sie einmal selbst unternehmerisch aktiv werden können.
Dass Unternehmer nicht gerade der Lieblingsberuf der Deutschen ist, zeigt auch der Global Entrepreneurship Monitor (GEM). Demnach schaffte es Deutschland 2009 mit seiner Gründungsquote gerade einmal auf Platz 15 in der Gegenüberstellung mit 19 wirtschaftlich vergleichbaren Ländern. Der Anteil der 18- bis 64-Jährigen, die sich in der Lage sehen, ein Unternehmen zu gründen, ist in Deutschland laut GEM mit 45 Prozent besonders niedrig. Die Verfasser der deutschen Ausgabe des GEM fordern daher, dass Inhalte in die Lehrpläne aufgenommen werden, die Appetit auf die Selbstständigkeit machten.
Christina Jagdmann hat in der Schule und Universität auch nicht viel übers Unternehmertum gehört und trotzdem den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. 2007 hat die 34-Jährige eine Übersetzungsagentur in Hamburg gegründet. Zehn feste und je nach Auftragslage bis zu 100 freie Mitarbeiter beschäftigt sie mittlerweile. In Berlin und Mannheim hat sie zwei neue Standorte eröffnet. Sie blickt durchaus optimistisch in die Zukunft.
Jagdmann ist damit in Deutschland eine Ausnahme, wie der GEM-Bericht offenbart: Die Angst zu scheitern ist hierzulande besonders stark ausgeprägt. 43 Prozent der Befragten würden schon allein deshalb keine Firma gründen. Im internationalen Vergleich ist der Wert nur in vier Ländern noch höher. "Weil Scheitern in Deutschland ein Stigma ist, erfahren viele Gründer auch aus ihrem sozialen Umfeld höchstens reservierte Freundlichkeit, wenn es um ihr Vorhaben geht", sagt Christian Hundt, Autor des deutschen GEM.
Es gibt aber immer noch die anderen, die völlig unberührt von solchen Ängsten mit Herz und Seele Unternehmer sind. Detlef Graessner ist so ein Vollblutunternehmer, er kommt aus Starnberg. Vor 32 Jahren hat er dort seine Firma Pharmatechnik gegründet. Inzwischen hat das Unternehmen 650 Mitarbeiter und ist nach eigenen Angaben Marktführer im Geschäft mit Apothekensoftware. Graessner findet das "Unternehmertum in Deutschland eine wunderbare Sache". So wunderbar, dass er auch noch ein Hotel in Starnberg eröffnete. "Ich würde heute wieder ein Unternehmen gründen", sagt er.
Und auch Norbert Dietz juckt es wieder in den Fingern. Bis Ende 2009 hat er in seinem Betrieb noch in der Geschäftsführung mitgearbeitet und zwischendurch "auch mal einfach nichts gemacht". Jetzt plant er wieder ein Projekt: Mithilfe einer Beteiligungsgesellschaft will er Geschäftsideen, beispielsweise im Bereich Fotovoltaik, realisieren - und dann weiterverkaufen. Denn jetzt, sagt Norbert Dietz erleichtert, jetzt habe er endlich einmal Zeit für seine Ideen.
Quelle: Financial Times Deutschland
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