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Weihnachtsmärkte: Das Milliardengeschäft mit dem schönen Schein

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Das Glühwein-Business boomt

05.01.2010, 14:57 Uhr | Laura Himmelreich, Spiegel Online

Milliardengeschäft Weihnachtsmarkt: Hier der St. Johanner Markt in Saarbrücken (Foto: imago) Milliardengeschäft Weihnachtsmarkt: Hier der St. Johanner Markt in Saarbrücken (Foto: imago)2500 Weihnachtsmärkte sind in Deutschland aufgebaut, jeder ist eine Wirtschaftswelt für sich: Mitarbeiter schuften für Dumpinglöhne, Branchenriesen scheffeln Millionen. Über das Geschäft wachen mächtige Verbände und Politiker. #

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Hungerlohn auf dem Weihnachtsmarkt

Elf Stunden am Tag steckt Gerd Tönneschs Hand in einem Waschbär. Dafür bekommt er 1,30 Euro die Stunde. Gerd Tönnesch arbeitet auf einem Weihnachtsmarkt. Er lässt den Waschbären auf seinem Arm krabbeln, den Bären nach der Hand eines elf Monate alten Babys schnappen. Das Baby lacht, Tönnesch lacht, die Uroma lacht - und kauft die Handpuppe für 25 Euro. Wenn Gerd Tönnesch einen ganzen Tag Handpuppen verkauft, verdient er nicht einmal so viel, dass er sich selbst eines der Stofftiere leisten könnte: "Ich muss arbeiten, bis ich tot bin."

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"Wenn die Kinder lachen, das ist phantastisch"

Gerd Tönnesch ist 65 Jahre alt. Er ist als Mini-Jobber bei einem Stofftierhändler angestellt. 400 Euro verdient er für einen Monat auf dem Weihnachtsmarkt. Er fängt morgens um zehn an und schließt den Stand um neun Uhr abends, sieben Tage die Woche. Er müsse arbeiten, weil er nur 570 Euro Rente pro Monat bekomme, sagt er. Das reiche nicht für ihn und seine Frau. Seine Frau besucht ihn fast täglich am Stand und arbeitet mit - umsonst. Ausbeutung? Tönnesch winkt ab. "Wenn die Kinder lachen, das ist phantastisch", sagt er. "Wir lieben diese Arbeit." Weil er seinen Job nicht verlieren will, will er nicht, dass hier sein richtiger Name steht.

Weihnachtsmarkt ist ein Mikrokosmos

Gerd Tönnesch ist ein Extremfall. Rund 188.000 Menschen arbeiten auf den deutschen Weihnachtsmärkten, schätzt der Bundesverband der Schausteller und Marktkaufleute. Auch wenn Dumpinglöhne nicht die Regel sind, es gibt sie. Genauso wie es Spitzenverdiener gibt, Marktbeherrscher und Idealisten. Der Weihnachtsmarkt ist ein Mikrokosmos, doch es gelten dieselben Mechanismen wie für die gesamte deutsche Wirtschaft: Es entscheiden einflussreiche Privatleute, Verbände und Politiker. Und auch hier stellt sich die Frage: Wer organisiert die Märkte besser, die Stadt oder ein privater Betreiber?



Milliarden-Umsätze auf deutschen Weihnachtsmärkten

Zwischen drei und fünf Milliarden Euro Umsatz bringen die Märkte, schätzen Verbände und Wissenschaftler, die exakte Zahl weiß niemand. Jeder Besucher gibt auf und rund um den Weihnachtsmarkt im Durchschnitt 27 bis 30 Euro aus. Das Geld fließt an die Händler, aber auch die umliegenden Geschäfte, die Taxifahrer, den öffentlichen Nahverkehr und die Hotels. Die Stadt München berechnete kürzlich, dass allein der Hauptmarkt auf dem Marienplatz einen Wirtschaftswert von 175 Millionen Euro besitzt. Rund 2500 Weihnachtsmärkte gibt es in Deutschland.

Besinnlichkeit, wenn die Kasse stimmt

In Dortmund verkauft Hans-Peter Arens Grillschinken, sein Sohn steht nur wenige Stände weiter und schenkt Glühwein aus. Arens ist Weihnachtsmarktverkäufer in der vierten Generation, schon als Kind spielte er in einer Mandelbude. "Wir haben Weihnachten nie genossen, auch als Kinder nicht", sagt er. "Ich weiß, die Kirche verlangt Besinnlichkeit. Aber ich kann nur besinnlich sein, wenn die Kasse stimmt." Arens ist Präsident des Bundesverbands der Deutschen Schausteller und Marktkaufleute. Wie bei ihm entscheidet bei den meisten Händlern die Weihnachtszeit über das Familieneinkommen. Das Weihnachtsgeschäft mache die Hälfte des Jahresumsatzes aus, sagt Arens. Er hat Macht, denn er entscheidet mit darüber, wer eine Bude auf dem Markt aufmachen darf und ob die Bude in der Fußgängerzone oder am Marktrand steht. Arens ist nämlich nicht nur Verbandschef, sondern auch einer der Organisatoren des Dortmunder Weihnachtsmarkts.

Glühwein bringt am meisten Geld

Auf den großen Märkten kommen auf einen freien Stand zwei Bewerber. Zwischen 70 und 80 Prozent der Bewerber würden am liebsten einen Glühweinstand eröffnen, denn da lasse sich am meisten Geld verdienen, sagt Arens. Rund 50.000 Euro Umsatz macht ein Glühweinhändler in einer Saison, berechnete der Verband der Schausteller und Marktleute 2002, der durchschnittliche Weihnachtsmarkthändler gerade einmal die Hälfte. Die Regeln sind streng: Je nach Markt darf nur jede fünfte oder jede zehnte Bude Glühwein verkaufen. "Das Publikum würde mehr mitmachen", sagt Arens, "aber die Mischung muss stimmen."



Stillschweigen über die Einnahmen

Deshalb subventionieren die gut verdienenden Glühweinhändler über ihre Mieten die umsatzschwachen Süßigkeiten- und Schmuckhändler. In Nürnberg zum Beispiel müssen Würstchen- und Glühweinverkäufer für einen laufenden Meter Marktstand 522 Euro Miete pro Saison zahlen, der Christbaumkugel-Verkäufer zahlt nur 83 Euro. Was am Ende vom Umsatz übrig bleibt, darüber schweigen sich die Verkäufer aus: "Im Kleingewerblichen Bereich gibt niemand gern seine Einnahmen preis, auch untereinander nicht", sagt Arens.

Gerstacker beherrscht den Glühweinmarkt

Nicht nur Kleinhändler, auch die Branchenriesen im Weihnachtsmarkt-Geschäft schweigen über ihre Gewinne. Marktführer auf dem Glühweinmarkt ist die Firma Gerstacker aus Nürnberg. Nach eigenen Angaben stammen 80 Prozent des Weins in deutschen Tassen aus ihrem Betrieb. Denn kaum ein Händler produziert den Glühwein selbst. Wie viel der Händler für den Wein bezahlen muss, hängt von der Abnahmemenge ab und von seinem Verhandlungsgeschick.

Käthe Wohlfahrt der zweite Riese

Der zweite Riese ist ebenfalls ein Familienunternehmen, ebenfalls aus Bayern: "Käthe Wohlfahrt". Die Firma vertreibt Nussknacker, Spieldosen und Holzfiguren, teilweise aus eigener Produktion. Auf 33 deutschen Weihnachtsmärkten besitzt "Käthe Wohlfahrt" Verkaufsstände, aber auch in Tokio, Chicago und Philadelphia. In der Weihnachtszeit beschäftigt das Unternehmen 1000 Mitarbeiter, in den Sommermonaten sind es 230. Und in Leipzig organisiert das Unternehmen sogar den Weihnachtsmarkt.

Städte mit Weihnachtsmärkten überfordert

Die Sprecherin des Weihnachtsschmuck-Herstellers sagt: "Die Städte sind bei den großen Weihnachtsmärkten häufig rettungslos überfordert." Nur noch ein Drittel der Weihnachtsmärkte ist komplett in der Hand der Kommunen. In Hamburg organisiert der Circus-Veranstalter Roncalli den Rathausmarkt. Die anderen Märkte werden von Schaustellern, ihren Verbänden oder ihren Firmen betrieben.



Verschiedene Interessenlagen

"Natürlich ist die Interessenlage der privaten Betreiber eine andere als die der Stadt", sagt Dirk Hilbert, Wirtschaftsbürgermeister in Dresden. Der Striezelmarkt ist noch in der Hand der Stadt. Gerade hat Dresden 600.000 Euro in eine Kinder-Erlebniswelt und Schauwerkstätten gesteckt. "Wirtschaftlich sind diese Flächen für den Markt verloren", sagt der Bürgermeister. Doch die Stadt setzte im Gegensatz zu privaten Betreibern stärker darauf, Attraktionen zu bieten, die das Image der Stadt langfristig verbessern und Touristen anlocken. Bei den Dresdnern selbst seien jedoch die privaten Märkte genau so beliebt wie die städtischen, sagt er.

Viel Geld für Weihnachtsmarkt-Werbung

Nürnberg oder Dresden geben bis zu 250.000 Euro jedes Jahr für Weihnachtsmarkt-Werbung aus. Städte mit einer kürzeren Markt-Tradition versuchen, mit Superlativen dagegenzuhalten: größter Weihnachtsbaum der Welt (Dortmund), größte Glühweintasse der Welt (Mainz), größte Weihnachtspyramide der Welt (Kassel). Im Besucherwettkampf werden Kunstgewerbler knapp. In den vergangenen Jahren warben Einkaufszentren die Händler ab, um selbst kleine Märkte zu veranstalten. Sie locken mit kostenlosen Buden und Wärme anstelle der eisigen Marktplätze. Der Weihnachtsmarkt am Hamburger Gerhart-Hauptmann-Platz musste im vergangenen Jahr sogar Töpfer und Schmiede aus der Ukraine anwerben. Ein einziger Handwerker hält auf dem Platz seit 39 Jahren die Stellung, der Gold- und Silberschmied Angelo Motta. Er ist 65 Jahre alt, bekommt 450 Euro Rente. "Geld bedeutet mir nicht viel", sagt er. "Ich bin zufrieden." Eigentlich wollte er Mönch werden. Im Kloster in Canossa lernte der Sizilianer, Schmuck zu fertigen. Motta sagt, er wisse gar nicht, wie viel er mit seinem Schmuck verdiene, er liebe es einfach, Schmuck zu entwerfen und zu schmieden. Damit er sich das Material leisten könne, müsse er ihn eben einmal im Jahr verkaufen. "Eigentlich würde ich ihn viel lieber verschenken."

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Quelle: Spiegel Online

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