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Wenn ein Job zum Leben nicht reicht

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Wenn ein Job zum Leben nicht reicht

18.04.2008, 13:28 Uhr | dpa / dpa-AFX / AFP / T-Online

Gebäudereinigung: gering bezahlte Beschäftigung (Foto: imago) Gebäudereinigung: gering bezahlte Beschäftigung (Foto: imago) Viele Arbeitnehmer in Deutschland werden in Zukunft noch einen Zweitjob brauchen, um finanziell über die Runden zu kommen. Schon jetzt hat rund eine Million der insgesamt etwa 30 Millionen abhängig Beschäftigten einen regelmäßigen Nebenjob. Weitere 700.000 Frauen und Männer arbeiten zumindest zeitweise zusätzlich nebenher. Und diese Zahlen werden steigen, sagt der Arbeitsmarktexperte des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Herbert Buscher.

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Hohe Kosten, geringes Einkommen
Gründe sind die hohen Lebenshaltungskosten und die im Vergleich dazu relativ moderaten Lohnsteigerungen, erklärt Buscher. Betroffen sind vor allem Menschen mit geringer Qualifikation und deshalb vergleichsweise geringem Einkommen.

Viele verdienen nicht genug zum Leben
"Normalerweise sollte es auch bei einfachen Tätigkeiten so sein, dass der Verdienst ausreicht, um davon leben zu können. In der Realität von Familien oder Alleinerziehenden ist das aber nicht so, vor allem, wenn die Kinder länger in der Ausbildung sind oder gar keine haben", sagt Buscher. Wer besser qualifiziert sei, bei dem ist die Dringlichkeit, einen Zweitjob anzunehmen, um seinen Lebensstandard halten zu können, in der Regel geringer.

Aufstocker sind im Kommen
Wer trotzdem nicht genügend verdient, kann ergänzend Hartz IV beantragen. Die sogenannten Aufstocker, die trotz Vollzeitarbeit ein zu geringes Einkommen haben, erhalten dann von der Bundesagentur zusätzlich Geld. Das gleiche gilt für Teilzeitbeschäftigte. Die Zahl der Aufstocker ist stark gestiegen, nach Berechnungen des DGB von Ende 2005 rund 950.000 auf 1,3 Millionen Mitte 2007, was daran liegen könnte, dass vor allem viele schlecht bezahlte Jobs neu entstanden sind. Vermutlich wird die Möglichkeit aber auch erst zunehmend bekannt und entsprechend genutzt.

Selbst der Staat zahlt Niedriglöhne
Vor allem gering bezahlte Jobs im Friseurhandwerk, im Reinigungsgewerbe und bei Sicherheitsdiensten sind bekannte Kandidaten für die Aufstockung. Kritiker sprechen hier davon, dass die Arbeitgeber zur Freude der Kunden niedrige Preise anbieten, aber zulasten des Staates Lohnkosten sparen können. Aber auch die öffentliche Hand zahlt unter Umständen so wenig, dass Familien damit nicht auskommen und aufstocken müssen, wie zuletzt am Beispiel von Lehrern bekannt wurde. Ohne zeitliche Begrenzung der Aufstockung ist damit praktisch ein Kombilohn geschaffen worden, der Arbeitgeber zum Lohndumping verleitet, weil der Staat in die Lücke bei der Finanzierung des Lebensunterhalts einspringt.

Regale auffüllen: gering bezahlte Beschäftigung (Foto: imago) Regale auffüllen: gering bezahlte Beschäftigung (Foto: imago)Mindestlohn - Heil oder Unheil?
Es sind Zustände wie diese, die immer wieder den Ruf nach Mindestlöhnen laut werden lassen, wie es sie in Europa übrigens schon seit dem 19. Jahrhundert gibt. Vor allem Geringverdiener sollen so die Möglichkeit erhalten, auskömmlich von einer Vollzeitarbeit zu leben. Demgegenüber steht das Argument, dass Mindestlöhne Arbeitsplätze vernichten, ein Effekt, der aber je nach Höhe des Mindestlohns stärker oder schwächer ausfallen dürfte.

Manche Arbeitsplätze werden nie abwandern
Die Gegner des Mindestlohns erklären, dass manche Tätigkeiten einfach gering entlohnt werden müssten, weil die Arbeitsplätze nicht mehr hergäben. Angesichts teils deutlich niedrigerer Lohnkosten im Ausland ist das ein Argument, sofern es sich um einen verlagerbaren Arbeitsplatz handelt. Das ist aber zum Beispiel bei Friseuren oder Gebäudereinigern gerade nicht der Fall. Niemand fährt für einen Haarschnitt ins Ausland, niemand kann sein Gebäude, das sich in Deutschland befindet, in Rumänien reinigen lassen.

Auswirkungen eines Mindestlohns oft schwer zu beobachten
Die Auswirkungen des bestehenden Mindestlohns in der Baubranche auf die Arbeitsplätze sind zumindest schwer zu bewerten, weil parallel dazu die Eigenheimzulage abgeschafft worden war und die private Bautätigkeit daraufhin stark nachgelassen hat. Der Post-Mindestlohn führte dagegen unmittelbar zum Verlust Tausender Arbeitsplätze bei Konkurrenz-Unternehmen der Deutschen Post AG. Der Mindestlohn von 8,00 bis 9,80 Euro pro Stunde lag offenbar so hoch, dass viele Briefdienstleister, die im Gegensatz zur Deutschen Post auf ihre Endpreise Mehrwertsteuer berechnen müssen, ihre Geschäftsmodelle in Gefahr sahen und weitere Investitionen stoppten.

Jobchancen werden besser
Wer einen Zweitjob sucht, egal ob aus Notwendigkeit oder freiwillig, um sich damit gewisse Extras zu finanzieren, der dürfte in Zukunft wohl keine allzu schlechten Chancen haben. Bundesregierung, Wirtschaft und Gewerkschaften halten es inzwischen für möglich, dass es in Deutschland wieder Vollbeschäftigung geben wird. Dazu trägt einerseits der demographische Wandel mit immer mehr älteren Menschen bei, die aus dem Berufsleben ausscheiden. Andererseits sieht Arbeitsmarktexperte Buscher aber auch neue Beschäftigungsfelder entstehen, etwa saisonal im Tourismus, aber auch durch längere Ladenöffnungszeiten.

Hartz-IV-Leistungen sinken
Aktuelle Zahlen belegten zuletzt, dass die Arbeitslosenzahl seit Einführung der Hartz-Reformen stark gesunken ist: um 1,7 Millionen auf 3,5 Millionen. Dadurch sanken gleichzeitig die Ausgaben des Bundes für Hartz-IV-Leistungen. Die "Berliner Zeitung“ meldete, bislang seien weniger als ein Viertel der eingeplanten Etat-Mittel von fast 35 Milliarden Euro ausgegeben worden. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen war demnach im März um 270.000 im Vergleich zum Vorjahr gesunken, das entspricht fünf Prozent. Von Vollbeschäftigung wird allgemein ausgegangen, wenn die Arbeitslosenquote nicht mehr als drei Prozent beträgt.

Mehr zum Thema:
Wirtschaftsminister -Deutschland auf dem Weg zur Vollbeschäftigung
Gehaltsstudie - Lohnsteigerung in Deutschland besonders mickrig
Zu wenig zum Leben - Die niedrigsten Stundenlöhne


dpa / dpa-AFX / AFP / T-Online  

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