
16.05.2011, 15:54 Uhr | Spiegel-Online
Markt in Shanghai: China-Boom könnte Deutschland gefährlich werden (Foto: AFP)
Eine Prognose des Internationalen Währungsfonds (IWF) sorgte kürzlich für Aufregung: Bereits 2016, also in gerade einmal fünf Jahren, könnte China die USA als größte Volkswirtschaft der Welt ablösen. Tagelang kannten US-Talk-Shows und Zeitungskommentare fast nur ein Thema: Was heißt die Aufholjagd der Chinesen für die Amerikaner?
In Deutschland dagegen wurde die Nachricht kaum wahrgenommen. Ob nun die USA oder China vor Deutschland und Japan die Nummer eins der Weltwirtschaft sind, scheint auf den ersten Blick egal.
Doch diese Ignoranz könnte sich bei genauer Betrachtung als fataler Irrtum herausstellen. Tatsächlich müssen Politik und Wirtschaft in Deutschland massiv umdenken. Drei Megatrends sind dabei besonders wichtig:
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Zunächst zur Ordnungspolitik. Hier gilt für Pekings Führung vor allem ein Grundsatz: Erlaubt ist, was China nützt - also alles, was für Wachstum und Arbeitsplätze in China sorgt. Ob dafür die Landeswährung Yuan mit Milliarden-Interventionen billig gehalten wird, Importeure mit halbseidenen Sicherheitsbedenken aus dem chinesischen Markt gedrückt werden oder der Staat einheimischen Konzernen hilft, ausländische Unternehmen zu übernehmen, um sich Know-How anzueignen - ideologische Skrupel gibt es kaum.
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In Deutschland werden Interventionen in den Devisenmarkt, das Fördern heimischer Unternehmen oder das Abschotten eigener Märkte gerne als ordnungspolitischer Sündenfall abgetan. Für eine solche Zurückhaltung mag es gute Gründe geben. Einiges spricht aber dafür, dass der ordnungspolitische Musterschüler den Kürzeren zieht, wenn andere Staaten sich partout nicht an solche Regeln halten wollen - vor allem, wenn das andere Land kein südamerikanischer Zwerg ist, sondern ein kraftstrotzender asiatischer Riese.
Natürlich waren auch die USA höchst pragmatisch, wenn es um die eigenen Interessen ging. Lupenreine liberale Ordnungs- oder Handelspolitik gab es in Washington nicht. Wenn es opportun war, verhängte Ex-Präsident George W. Bush zum Beispiel Zölle auf Stahlimporte. Und Barack Obama redet den Dollar gezielt schwach, um der Konjunktur zu helfen.
Allerdings gibt es zwei Unterschiede. Erstens verfolgen die Amerikaner - zumindest in der Theorie - die Ideologie offener Märkte. Und zweitens kollidieren die Interessen der USA und Deutschlands wesentlich seltener als dies zwischen China und Deutschland der Fall sein dürfte. Selbst wenn China insgesamt eine ähnliche Wirtschaftsleistung wie die USA erreicht, bleibt das Land technologisch weit von der Weltspitze entfernt. Chinas Gewicht erklärt sich vor allem durch die viermal so große Bevölkerung, nicht durch technologische Führerschaft.
Dieser Unterschied hat zur Folge, dass China und Deutschland auf absehbare Zeit verschiedene Ansichten über den angemessenen Schutz von geistigem Eigentum haben werden. China wird weiter darauf setzen, dass die eigenen Firmen westliches Know-how bis hin zum Produktdesign kopieren. Deutschland wird - wie die USA - ein Interesse haben, Patente und Technologien der eigenen Unternehmen zu schützen.
Der zweite wichtige Punkt sind die Exportüberschüsse. Da China die Welt mit seinen Waren überschwemmt, dürfte es für Deutschland schwer werden, die eigene Wachstumsstrategie aufrechtzuhalten, die vor allem auf Ausfuhren setzt. Dauerhafte Exportüberschüsse sind nur möglich, wenn andere Länder Fehlbeträge im Außenhandel akzeptieren. Die USA haben als weltgrößte Volkswirtschaft über Jahre genau dies getan: Mehr importiert als exportiert und damit die Weltwirtschaft am Laufen gehalten.
Aber was ist, wenn dieser Weg eines Tages verbaut sein sollte? Beim Export stehen China und Deutschland in direkter Konkurrenz. Wenn die Bundesrepublik nicht den kürzeren ziehen will, muss sie inländische Wachstumsquellen finden.
Chinas Aufstieg macht sich auch auf einem anderen, dritten Gebiet bemerkbar: einem immer gnadenloseren Wettbewerb um Rohstoffe. China verbraucht viel mehr Stahl, Öl und Gas als es selbst herstellt. Pekings Regierung ist diese Abhängigkeit von ausländischen Quellen schmerzlich bewusst. Statt sich auf freien Märkten mit den Rohstoffen zu versorgen, versucht China deshalb, sich durch Käufe von Minen oder Förderrechten im Ausland langfristig stabilen Zugriff auf Metalle oder Energieträger zu sichern.
Für Deutschland bedeutet dies, dass weniger Rohstoffe auf dem freien Weltmarkt erhältlich sein werden. Zudem dürften die Preise steigen und stärker schwanken. Benzin für 1,60 Euro pro Liter ist wohl nur der Anfang.
Um die deutsche Wirtschaft von diesen Schocks abzuschirmen, sind zwei Strategien gefragt: Erstens muss Deutschland mit den europäischen Partnern eine eigene strategische Rohstoffpolitik definieren, die auch Beteiligungen an ausländischen Unternehmen beinhaltet. Zweitens muss es versuchen, sich mit erneuerbaren Energien und neuen Technologien weitgehend von Rohstoff-Importen unabhängig zu machen.
Die Herausforderungen sind also gewaltig. Ein Trost bleibt aber: Politik und Wirtschaft werden etwas länger Zeit für die Umstellung haben, als die IWF-Zahl suggeriert. Denn das Datum 2016 bezieht sich nur auf den Zeitpunkt, an dem die Kaufkraft Chinas die der USA übersteigt. Dabei wurde berücksichtigt, dass Reis und andere Grundnahrungsmittel in China wesentlich billiger sind als in den USA.
Für die globale wirtschaftliche Machtverteilung ist aber nicht Kaufkraft entscheidend, sondern die Größe der chinesischen Wirtschaft in Euro und Dollar. Und bis China in Dollar gerechnet mehr erwirtschaftet als die USA, bleibt etwas länger Zeit. Nach gängigen Schätzungen wird es wohl 2019 so weit sein.
Die größten Exporteure weltweit | ||||
Platz | Land | Anteile an den welt- weiten Ausfuhren 2010 | Nominaler Exportwert* | Veränderung gegen- über dem Vorjahr |
1. | Volksrepublik China | 10,4% | 1578 | 31% |
2. | Vereinigte Staaten | 8,4% | 1278 | 21% |
3. | Deutschland | 8,3% | 1269 | 13% |
4. | Japan | 5,1% | 770 | 33% |
5. | Niederlande | 3,8% | 572 | 15% |
6. | Frankreich | 3,4% | 521 | 7% |
7. | Südkorea | 3,1% | 466 | 28% |
8. | Italien | 2,9% | 448 | 10% |
9. | Belgien | 2,7% | 411 | 11% |
10. | Großbritannien | 2,7% | 405 | 15% |
Ausfuhr insgesamt | 100% | 15.238 | 22% | |
* in Milliarden Dollar -- Quelle: WTO | ||||
Quelle: Spiegel Online , t-online.de
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