Wirtschaft droht schlimmster Einbruch seit dem Krieg
24.11.2008, 07:21 Uhr | Financial Times Deutschland
Hamburger Hafen im Nebel - Vorzeichen einer schlimmen Rezession? (Foto: dpa)Im kommenden Jahr droht den Deutschen der größte Einbruch der Wirtschaftsleistung, den es in einem einzelnen Jahr in der Geschichte der Bundesrepublik gegeben hat. Das ergab die Auswertung der November-Umfrage unter den Topökonomen im Konjunkturschattenrat. Die "FTD" befragt jeden Monat führende Konjunkturexperten, darunter Chefvolkswirte von Banken und Forschungsinstituten. Im November antworteten 15 Ökonomen, darunter Holger Schmieding von der Bank of America und Udo Ludwig vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle. Auch die Sachverständigen Bert Rürup und Peter Bofinger.
Im Schnitt der Prognosen dürfte die Wirtschaftsleistung 2009 danach um ein Prozent schrumpfen. Nach Umfragen unter Einkaufsmanagern könnte die deutsche Industrie daher in Kürze auch massiv Personal abbauen. Die Bundesregierung hatte zuletzt noch mit einem Wachstum von 0,2 Prozent gerechnet. Skeptischer äußerte sich am Freitag auch die Bundesbank. Im Schattenrat der "FTD" gibt sich BHF-Volkswirt Uwe Angenendt am pessimistischsten. Er fürchtet sogar einen Rückgang von zwei Prozent. Etwas geringer setzt das Minus Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer mit 1,2 Prozent an.
Rezession lässt Arbeitslosigkeit schnell steigen
Den bisher stärksten Rückgang der Wirtschaftsleistung hatte es 1975 mit 0,9 Prozent gegeben. Allerdings war damals, ähnlich wie 1982, die Arbeitslosigkeit viel stärker hochgeschnellt, als es jetzt für 2009 erwartet wird. Geschrumpft ist die Wirtschaft diesmal bereits im Frühjahr und Sommer. Damit befindet sich die größte Volkswirtschaft der Euro-Zone in der Rezession. Dafür muss die Wirtschaftsleistung nach der gängigen Definition zwei Quartale hintereinander schrumpfen.
Experten bewerten Konjunkturprogramm als unzureichend
Um den bevorstehenden Rutsch zu mildern, hat die Bundesregierung ein Konjunkturprogramm beschlossen, mit dem bis 2010 insgesamt zwölf Milliarden Euro an Geldern fließen sollen. Viel zu wenig, um die Wirtschaft zu stabilisieren, davon sind jedenfalls mehr als vier Fünftel der Schattenräte überzeugt. Gut zwölf Prozent fürchten sogar, dass das Paket die Wirtschaft überhaupt nicht beflügeln wird (siehe Grafik). Gut 70 Prozent der Befragten rechnen höchstens mit einem Schub in der Größenordnung von 0,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Programm soll Nachfrage stimulieren
So geht David Milleker, Chefvolkswirt von Union Investment, davon aus, dass das Konjunkturprogramm wirkungslos bleibt. "Ein solches Paket sollte bevorzugt das Wachstumspotenzial fördern und direkt nachfragewirksam sein", sagte er. Dabei setzt Milleker auf höhere Ausgaben für Bildung und Infrastruktur sowie geringere Steuern und Sozialabgaben.
Höhepunkt der Finanzkrise steht noch bevor
Gut ein Drittel der Befragten glaubt, dass die Finanzkrise noch nicht ihren Höhepunkt erreicht hat. Aber die Mehrheit geht davon aus, dass die Banken das Schlimmste hinter sich haben. "In Deutschland wird das Rettungspaket dafür sorgen, dass keine Bank zusammenbrechen muss", sagte Kai Carstensen, Konjunkturchef am Münchner Ifo-Institut. Die Bundesregierung hat für die Banken einen Rettungsfonds über 480 Milliarden Euro aufgelegt.
Gefahr einer Kreditklemme besteht weiter
Die Gefahr einer Kreditklemme ist den Topökonomen zufolge im Vergleich zur Oktober-Umfrage noch einmal größer geworden. Damals gingen noch gut 17 Prozent davon aus, dies sei kein Thema. Im November vertritt nur noch ein Experte diese Meinung. Gut 38 Prozent sagen, die Investitionen litten bereits in nennenswertem Umfang unter der Kreditkrise. Und mit einer echten Klemme rechnen rund zwölf Prozent.
EZB sollte Leitzins senken
Ein Grund, weshalb die europäischen Währungshüter nach Ansicht der Ökonomen den Leitzins herunterschrauben sollten. Er liegt aktuell bei 3,25 Prozent. Gut ein Fünftel der Schattenräte spricht sich dafür aus, den Zins höchstens um einen Prozentpunkt zu senken. Rund 30 Prozent plädieren für maximal zwei Prozentpunkte. Dann läge der wichtigste Refinanzierungssatz für die Banken bei 1,25 Prozent. Im Notfall sollte die Europäische Zentralbank ihn sogar unter ein Prozent drücken, wie fast 38 Prozent der Experten in der Umfrage forderten.
Abschwung dauert bis in die zweite Jahreshälfte 2009
Der Abschwung werde über die erste Jahreshälfte 2009 hinaus andauern, schätzten rund 62 Prozent. Das sind etwas weniger als in der Oktober-Umfrage. Mit rund 30 Prozent rechneten fast unverändert viele damit, dass die Talfahrt spätestens Mitte des kommenden Jahres beendet ist.
US-Wirtschaft springt schon früher wieder an
Hingegen sagte die Mehrheit eine frühere Belebung der US-Wirtschaft voraus. Mehr als sechs Zehntel der Ökonomen sehen das Ende des wirtschaftlichen Niedergangs der weltgrößten Volkswirtschaft bereits im nächsten Frühjahr. Dass sich das Debakel bis 2010 hinzieht, fürchten nur gut 19 Prozent.