Geldsäcke: Volkseinkommen im ersten Halbjahr 2009 deutlich gesunken (Foto: imago; Montage: t-online.de) Die Rezession hat das deutsche Volkseinkommen deutlich verkleinert und als erstes die zuvor boomenden Vermögens- und Gewinneinkommen gemindert. Dies belegt der neue Verteilungsbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung. Erträge aus Gewinnen und Vermögen schrumpften demnach im ersten Halbjahr 2009 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 66 Milliarden von 337 auf 271 Milliarden Euro. Die Bruttolohnsumme, also das Einkommen der breiten Arbeitnehmerschaft, stieg hingegen in der ersten Jahreshälfte noch leicht um gut zwei Milliarden Euro an.
Netto, nach Anrechnung von Steuern und Abgaben, büßten allerdings auch die abhängig Beschäftigten an Kaufkraft ein: Sie hatten drei Milliarden Euro weniger zur Verfügung als in der ersten Jahreshälfte 2008. WSI-Leiter Claus Schäfer zog das Fazit: "Diese relative Stabilität ist ein wesentlicher Faktor dafür, dass die Konjunktur insgesamt nicht noch weiter abgestürzt ist." Zu bedenken ist laut Schäfer aber zugleich, dass viele Unternehmen mit hohen Reserven in die Krise gegangen sind, viele Arbeitnehmer hingegen nicht.
Druck wird zunehmen
Gerade bei den Lohneinkommen werde der Druck in nächster Zeit daher zunehmen, prognostizierte der Verteilungsexperte. "Kommende Einkommensverluste durch kürzere Arbeitszeit, aufgeschobene oder angerechnete Tariferhöhungen, Verdrängung von Vollzeit durch Teilzeit und steigende Arbeitslosigkeit werden sich in deutlich weniger Nachfrage niederschlagen."
Die Erhöhung der Kinderfreibeträge oder die für 2011 angekündigten Einkommensteuer-Senkungen entlasteten aufgrund der progressiven Steuersystematik Haushalte mit höheren Einkommen überproportional, obwohl diese das zusätzliche Geld eher sparten als konsumierten. "Solche Steuerentlastungen haben schon in der Vergangenheit nicht die erhofften Wachstumsimpulse gezeigt. Das hat in der vergangenen Woche der Internationale Währungsfonds in einem Bericht noch einmal bestätigt", erklärt Schäfer. "Sie haben aber dauerhaft den Handlungsspielraum der öffentlichen Hand erheblich beschränkt - zu Lasten von Sozialleistungen, Infrastruktur und anderen Wachstumspotenzialen."
Neue Kindergrundsicherung gefordert
Als Gegenmaßnahmen schlägt Schäfer vor, dass der Staat Arbeitszeit-Verkürzungen zum Erhalt von Jobs gezielt unterstützt, einen gesetzlichen Mindestlohn einführt sowie eine grundlegende Reform des Kinderlastenausgleichs in Angriff nimmt. Eine einheitliche "Kindergrundsicherung" sorge für mehr Gerechtigkeit und stütze die Binnennachfrage. Der Experte verwies auf Statistiken, die die nach wie vor ungleiche Vermögensverteilung in Deutschland aufzeigen.
Untere Hälfte besitzt fast nichts
Vom privaten Vermögen besitze die "untere" Hälfte der deutschen erwachsenen Bevölkerung per Saldo nach Abzug aller Schulden fast nichts. Zehn Prozent aus dieser Gruppe haben sogar nur negatives Vermögen, also Schulden. Auf der anderen Seite konzentriere die "obere" Bevölkerungshälfte fast das gesamte private Netto-Vermögen auf sich, darunter allein die obersten zehn Prozent fast zwei Drittel davon.