22.02.2011, 10:25 Uhr | FTD, Martin Kölling
Ziegen als Mitarbeiter: eine japanische Firma will damit ihr Image verbessern. (Foto: imago)
Eine japanische Firma will den Mitarbeitern etwas Gutes tun und das Image aufbessern. Also stellt sie zwei Ziegen ein. So richtig. Mit Angestelltenausweis und Willkommensbrief.
Im Foyer von Japans größter Leiharbeitsfirma arbeiten Zicken. Echte jetzt, nicht die Empfangsdamen. Zwei kleine, weiße Zicklein meckern dort seit vergangener Woche munter vor sich hin und üben sich in Bocksprüngen. Gleich an ihrem ersten Arbeitstag bei Pasona kam ihnen eine besondere Aufgabe zu: Weil Valentinstag war, hatte man sie dem Begrüßungskomitee zugeteilt, das Schokolade an die Besucher verteilte. Zuvor, Ordnung muss schließlich sein, bekamen sie ihre Mitarbeiterausweise ans Halsband geheftet, und Pasona-Chef Yasuyuki Nambu persönlich las den beiden Geißlein den Willkommensbrief zur Festanstellung vor.
Ziegen als Mitarbeiter - was wie die Idee eines kauzigen Firmenchefs daherkommt, ist für Pasona-Konzern tatsächlich viel mehr als nur eine kurzlebige Marotte: "Die Ziegen sollen unseren Kunden und Angestellten eine behagliche Atmosphäre vermitteln", sagte Nambu, während seine jüngsten Angestellten an frischen Blättern nibbelten. Ihre Jobbeschreibung sieht außerdem noch vor, dass sie eifrig Dünger produzieren. Für die Reisfelder und Gemüsebeete, die im Tokioter Hauptquartier des Unternehmens angelegt sind.
Seit Mitte des vergangenen Jahrzehnt ist der Arbeitsvermittler nämlich damit beschäftigt, den Firmensitz in das zu verwandeln, was Pasona einen "urbanen Bauernhof" nennt: Überall in der Zentrale grünt es.
In den Kellergewächshäusern werden Tomaten herangezüchtet; von der Cafeteria aus können Angestellte und Besucher ein Reisfeld, einen Rosengarten und eine Gemüsefabrik im Erdgeschoss überblicken. Selbst an den Wänden der Büroetagen wuchern Obst- und Gemüsestauden - bei Pasona kann es durchaus vorkommen, unter den von der Decke herabhängenden Ranken der Passionsblume zu arbeiten. Sind die Früchte reif, ernten sie die Mitarbeiter, anschließend kommen sie in die Kantine.
Hinter dem Import ländlicher Ökoidylle ins Zentrum der Millionenstadt Tokio stecken hehre Ideale - und ganz einfache, geschäftsmäßige Überlegungen. "Zusätzlich zu den therapeutischen Vorzügen verschafft der direkte Kontakt mit Pflanzen und Landwirtschaft auch einen Lerneffekt", so Nambu. Güte und Fürsorge könne man auf diese Weise alltäglich erfahren. Und der Kontakt mit lebendigem Grün soll dafür sorgen, dass sich die Mitarbeiter mit Begeisterung in ihre Arbeit stürzen.
Die Ziegen sind außerdem Teil eines Programms, um sich für zukünftige Mitarbeiter attraktiv zu machen. Dazu gehören neben den obligatorischen Kindergärten und Fortbildungskursen etwa auch Kunstwerkstätten für behinderte Familienangehörige. 1400 Universitätsabgänger konnte Pasona so im vergangenen Jahr dazu bringen, Zeitarbeitsverträge zu unterschreiben, dieses Jahr sollen es 6000 werden.
Der Konzernbauernhof soll zudem zeigen, dass das Unternehmen für seine Angestellten die gleiche allumfassende soziale Funktion erfüllt wie ehedem die mittelalterliche Dorfgemeinschaft. Ein bisschen Imagepflege kann Pasona nämlich nicht schaden: In Japan sind Leiharbeitsvermittler ähnlich umstritten wie hierzulande. Fast 40 Prozent der Arbeitnehmer sind bereits Teilzeit- und Vertragsangestellte, die mit weit weniger Lohn und sozialer Sicherheit auskommen müssen als ihre regulären Kollegen. Viele Japaner werfen den Zeitarbeitsfirmen daher vor, tiefe soziale Klüfte in der vermeintlich einheitlichen Mittelstandsgesellschaft aufzureißen.
Was liegt da also näher, als sich selbst als die letzte herzerwärmende Bastion von Nachbarschaftsgeist und Naturverbundenheit in der sozialen Kälte der Betonwüste zu verkaufen? Die Ziegen liefern nun sogar den authentischen Geruch dazu.
Quelle: Financial Times Deutschland
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